Mit Interrailticket nach Frankreich und Spanien

„Planlos? Plan‘ los!“ – Reiseprojekt im Rahmen von „Discover EU Inclusion“

Das Stadtteilzentrum Schelmengraben nimmt seit einigen Monaten am Mobilitätsprojekt „Discover EU Inclusion“ teil. Die Aktion ist Teil des EU-Programms Erasmus+ und soll jungen Menschen zwischen 18 und 21 Jahren, die soziale, geografische oder sozioökonomische Benachteiligung erfahren, das Reisen durch Europa ermöglichen. Dabei können Kleingruppen von bis zu fünf Reisenden bis zu 21 Tage mit dem Interrailticket durch die EU reisen. Darüber hinaus werden auch andere Reisekosten sowie Unterkunft und Verpflegung gedeckt, sodass den Teilnehmenden dadurch keine finanzielle Belastung entsteht und ausreichend Mittel zur Verfügung stehen. Bei dem Projekt steht vor allem der Beteiligungsprozess der jungen Menschen im Fokus. Durch die Partizipation in jedem einzelnen Planungsschritt des Projekts, soll sich die daraus resultierende Fahrt mit „Discover EU Inclusion“ anfühlen, wie ihre eigene Reise.

Vom 09.06. bis zum 26.06.2026 fand der erste Durchgang des Projekts in Wiesbaden statt. Ich hatte die Gelegenheit, zwei junge Erwachsene auf ihrer Reise zu begleiten. Dabei ging es nicht darum, eine vorgegebene Reise zu absolvieren, sondern darum, dass die beiden jungen Menschen ihre eigenen Reisewünsche verwirklichen konnten – von der ersten Idee über die Planung bis zur Gestaltung der Zeit vor Ort. Die Jugendlichen entschieden selbst, wohin die Reise gehen sollte, welche Orte sie kennenlernen wollten und wie sie ihre Zeit verbringen möchten. Meine Rolle bestand darin, sie bei der Planung zu unterstützen, Fragen gemeinsam zu klären und sie dort zu begleiten, wo Unterstützung notwendig war.

Die Organisation begann bereits Monate zuvor. Bei der Reiseroute waren sich die beiden schnell einig: Es sollte nach Spanien gehen. Wie genau sie dorthin gelangen, welche Zwischenstopps sie einlegen und wo sie übernachten wollten, erarbeiteten sie sich Schritt für Schritt selbst. Über mehrere Treffen hinweg recherchierten sie Verbindungen und Unterkünfte, verglichen Angebote und trafen ihre eigenen Entscheidungen. Dabei lernten sie, wie man passende Unterkünfte findet und auswählt, sich über Freizeitmöglichkeiten vor Ort informiert und sich als Tourist in verschiedenen Ländern orientiert. So war bereits die Vorbereitung ein wichtiger Teil des Projekts: Die Reise entstand aus ihren eigenen Vorstellungen und wurde durch ihre Entscheidungen konkret.

Gemeinsam ging es schließlich zum ersten Stopp nach Marseille – die Station, die die beiden wohl am meisten berührte. Lange Spaziergänge, selbstorganisierte kleine Ausflüge und gemeinsame Reflexionsgespräche prägten den Aufenthalt. Dabei wurde deutlich, wie sehr sie sich mit ihren Interessen und Ideen in die Reise einbrachten. Beide waren besonders motiviert, die Kultur vor Ort kennenzulernen und sich mit den verschiedenen gesprochenen Sprachen auseinanderzusetzen. Marseille war nicht einfach ein Programmpunkt, den es abzuhaken galt, sondern ein Ort, den sie auf ihre eigene Weise entdecken konnten.

Anschließend ging es mit dem Zug nach Lloret de Mar in Spanien. Hier standen Entspannung und Strand im Vordergrund. Die beiden konnten selbst bestimmen, wie sie ihre Zeit verbringen wollten, und genossen es, zu entschleunigen, das warme Wetter auszukosten und eine Auszeit von den Verantwortungen des Alltags zu haben. Auch das gehörte zu ihrer selbst gestalteten Reise: nicht möglichst viele Sehenswürdigkeiten zu besuchen, sondern den eigenen Bedürfnissen Raum zu geben.

Der nächste und längste Stopp war Valencia, die drittgrößte Stadt Spaniens und damit ein deutlicher Kontrast zur vorherigen Station. Die Großstadt brachte neue Herausforderungen mit sich. Die jungen Reisenden mussten sich mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurechtfinden, unterschiedliche Sehenswürdigkeiten und Angebote überblicken und überlegen, was sie unternehmen wollten. Sie planten ihre Aktivitäten eigenständig und entschieden selbst, welche Orte und Erlebnisse ihnen wichtig waren. Durch den einwöchigen Aufenthalt blieb genügend Zeit, Valencia im eigenen Tempo zu erkunden, neue Eindrücke zu sammeln und gleichzeitig Pausen einzulegen.

Zum Abschluss machten wir uns auf den Heimweg, mit einem letzten Stopp in Montpellier. Obwohl wir dort nur eine Nacht blieben, nutzten die beiden die Gelegenheit, die Stadt zu erkunden. Besonders begeistert waren sie vom vielfältigen Restaurantangebot. Bei einem gemeinsamen letzten Abend in der Pizzeria blickten wir auf die vergangenen zwei Wochen zurück und reflektierten die Erlebnisse: Was hat besonders gut gefallen? Welche Herausforderungen haben sie gemeistert? Welche Entscheidungen würden sie beim nächsten Mal wieder so treffen – und was vielleicht anders machen?

Die Reise war kein fertiges Angebot, an dem die Jugendlichen einfach teilnahmen. Sie war ihre Reise: ausgehend von ihren Wünschen, geprägt von ihren Entscheidungen und gestaltet nach ihren eigenen Interessen. Sie konnten erleben, dass sie ihre Vorstellungen selbst in die Tat umsetzen, Verantwortung für die Planung übernehmen und auch unterwegs flexibel auf neue Situationen reagieren können. Die begleitende Unterstützung schuf dafür den Rahmen, ohne ihnen die Entscheidungen abzunehmen. So wurde die Reise nicht nur zu einer Möglichkeit, andere Länder und Kulturen kennenzulernen, sondern auch zu einer Erfahrung von Selbstbestimmung, Eigenverantwortung und aktiver Teilhabe.

Die Reise war weit mehr als Erholung und ein Kennenlernen Europas – sie war vor allem eine Lektion darüber, was Reisen wirklich bedeutet. Nach achtzehn Tagen unterwegs hatten die beiden jungen Erwachsenen ein viel klareres Verständnis davon, was die Organisation und Durchführung einer Reise erfordern und konnten genau benennen, was sie beim nächsten Mal anders machen würden und was sie daraus gelernt haben. Nicht alles lief nach Plan: Immer wieder gab es Überraschungen, die ein gewisses Maß an Anpassungsfähigkeit und Spontanität forderten – wie es beim Reisen oft der Fall ist. Auch die Erfahrung als Tourist in einem fremden Land zu sein, war zeitweise herausfordernd. Und doch überwiegt ganz klar eines: Die Freude über die Teilnahme am Projekt und all die neuen Erfahrungen und vor allem Lust, die Welt und Europa auf eigene Faust weiter zu erkunden.

(Christin Klees, Pädagogische Reisebegleitung)

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