Deutsch-israelische Jugendbegegnung mail@more 2026 setzt ein Zeichen für Verständigung und Vertrauen 

Seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und den Folgen des Krieges waren persönliche Begegnungen zwischen Jugendlichen aus Wiesbaden, Kiryat Gat und Rahat nur eingeschränkt möglich. Umso größer war die Bedeutung der diesjährigen Begegnungsreise in Deutschland, die einmal mehr zeigte, dass Verständigung dort beginnt, wo Menschen sich persönlich begegnen und kennenlernen.

Mail@More wird seit 2015 von Spiegelbild e.V. gemeinsam mit der IGS Rheingauviertel Wiesbaden und der Jugendhilfeeinrichtung Neve Hanna in Kiryat Gat durchgeführt. Über ein Schuljahr hinweg begegnen sich Jugendliche jeweils für zehn Tage in Israel und Deutschland. Ziel des Projekts ist es, jungen Menschen Räume zu eröffnen, in denen sie Vielfalt erleben, Vorurteile hinterfragen und Vertrauen entwickeln können.

Ein zentrales pädagogisches Ziel ist es, den Jugendlichen Erfahrungen von Selbstwirksamkeit zu ermöglichen. Für viele sind die Begegnungen mit zahlreichen „ersten Malen“ verbunden: der erste Flug, die erste Reise ins Ausland, die erste längere Zeit ohne die Familie, die erste Begegnung mit einer fremden Sprache oder Religion oder die Erfahrung Verantwortung in einer internationalen Gruppe zu übernehmen. Indem die Jugendlichen gemeinsam Herausforderungen meistern und ihre Komfortzone verlassen, erleben sie, dass sie mehr können, als sie sich zuvor zugetraut haben.

Die diesjährige israelische Gruppe bestand aus je fünf Jugendlichen der Jugendhilfeeinrichtung Neve Hanna in Kiryat Gat sowie aus Rahat – der größten beduinischen Stadt Israels. Die Jugendlichen aus Neve Hanna leben aufgrund schwieriger familiärer Lebenssituationen in einer Jugendhilfeeinrichtung, die ihnen Schutz, Stabilität und neue Perspektiven bietet. Die Jugendlichen aus Rahat bringen die Erfahrungen einer muslimisch-beduinischen Gemeinschaft mit, deren Alltag von einer reichen kulturellen Tradition ebenso geprägt ist wie von besonderen gesellschaftlichen Herausforderungen. Bereits in Israel engagieren sich beide Gruppen gemeinsam in Projekten des interkulturellen Dialogs und setzen sich für ein respektvolles Miteinander ein.

Auch die Wiesbadener Gruppe spiegelte die Vielfalt der Stadtgesellschaft wider. Die Schülerinnen und Schüler der IGS Rheingauviertel haben familiäre Wurzeln unter anderem im Iran, in Afghanistan, Portugal und vielen weiteren Ländern. Gerade diese Vielfalt macht den Austausch so besonders.

Das pädagogische Konzept von Mail@More setzt bewusst auf gemeinsame Erfahrungen, die den Jugendlichen neue Perspektiven eröffnen. Dazu gehört es auch, persönliche Grenzen zu überwinden und Dinge zum ersten Mal zu wagen – sei es der erste Flug, das erste Lagerfeuer mit neuen Freundinnen und Freunden, das erste Klettern im Hochseilgarten oder das Leben in einer internationalen Gruppe. Solche Erfahrungen stärken Selbstvertrauen, fördern Eigenverantwortung und schaffen gemeinsame Erinnerungen, die weit über die Dauer der Begegnung hinausreichen.

Während der zehn gemeinsamen Tage führten Kennenlern- und Teambuildingangebote in der Eifel, gemeinsame Aktivitäten im Kletterwald, der Besuch von Köln, gemeinsames Kochen, Gespräche am Lagerfeuer und tägliche Reflexionsrunden die Gruppe zusammen. Dabei standen nicht touristische Ziele im Vordergrund, sondern das gemeinsame Erleben und das gegenseitige Kennenlernen.

Ein besonderer Höhepunkt war der Empfang im Wiesbadener Rathaus durch Sozialdezernentin Dr. Patricia Becher. Sie würdigte die Bedeutung des Projekts mit den Worten: „Viele Konflikte entstehen dort, wo Menschen nur übereinander sprechen. Diese Jugendbegegnung schafft die Möglichkeit, miteinander zu sprechen. Sie bietet jungen Menschen persönliche Erfahrungen, die Vorurteile abbauen und Freundschaften entstehen lassen. Solche Begegnungen leisten einen wichtigen Beitrag zu Verständigung und friedlichem Miteinander.“

Gerade vor dem Hintergrund eines wachsenden Antisemitismus und zunehmender gesellschaftlicher Polarisierung sind Projekte wie Mail@More von besonderer Bedeutung. Sie schaffen persönliche Beziehungen dort, wo Vorurteile entstehen könnten, und ermöglichen Erfahrungen, die durch Nachrichten oder soziale Medien nicht ersetzt werden können.

Dass die Begegnung weit über die zehn gemeinsamen Tage hinauswirkt, zeigte sich auch in den Rückmeldungen der Familien. Viele Eltern berichteten von tief bewegenden Erfahrungen ihrer Kinder, von neu entstandenen Freundschaften und von einer großen Dankbarkeit für die Möglichkeit Teil dieses Projekts gewesen zu sein. 

Gerade darin liegt die besondere Stärke internationaler Jugendbegegnungen: Ihre Wirkung endet nicht mit der Rückreise. Die Erfahrungen begleiten die Jugendlichen in ihrem weiteren Leben, prägen ihre Sicht auf andere Menschen und Kulturen und wirken zugleich in ihre Familien, Freundeskreise und Schulen hinein. 

Mail@More zeigt eindrucksvoll, dass Verständigung keine abstrakte politische Idee ist. Sie beginnt dort, wo junge Menschen gemeinsam lachen, diskutieren und Herausforderungen meistern und erleben, dass Unterschiede nicht trennen müssen, und Gemeinsamkeiten oft dort existieren, wo sie überraschen.


Text: Paul Henninger für Spiegelbild e.V.

Anna Koschinski für Wiesbaden International

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