MOJA e.V. in Görlitz-Zgorzelec 2026

Vom 05.07. bis 11.07.2026 reisten neun Jugendliche gemeinsam mit drei pädagogischen Fachkräften im Rahmen einer Bildungs- und Begegnungsfahrt in die Wiesbadener Partnerstadt Görlitz. Ziel der Maßnahme war es den Jugendlichen neue kulturelle, historische und gesellschaftspolitische Erfahrungen zu ermöglichen, Vorurteile abzubauen sowie Begegnungen mit Menschen vor Ort zu schaffen.

Für alle Teilnehmenden war Görlitz ein bislang unbekannter Ort. Viele der Jugendlichen hatten zuvor noch keines der ostdeutschen Bundesländer beziehungsweise Regionen der ehemaligen DDR besucht. Im Vorfeld der Reise wurde deutlich, dass einige Jugendliche bereits bestimmte, oftmals medial oder gesellschaftlich geprägte Vorstellungen über Ostdeutschland hatten, insbesondere im Hinblick auf politische Entwicklungen. Einzelne Jugendliche entschieden sich auch aus diesem Grund gegen eine Teilnahme. Umso erfreulicher war die Offenheit der neun Teilnehmenden, sich auf die Reise einzulassen, eigene Erfahrungen zu sammeln und sich ein differenziertes Bild von Görlitz sowie den dort lebenden Menschen zu machen.

Tag 1 – Sonntag, 05.07.2026

Die Reise begann früh morgens am Wiesbadener Hauptbahnhof. Nach der Ankunft in Görlitz wurde die Gruppe von Herrn Krätschmer, dem Ansprechpartner für Städtepartnerschaften, herzlich empfangen. Er begleitete die Gruppe während der Woche fachlich und vermittelte zahlreiche Informationen zur Geschichte und Entwicklung der Stadt.

Nach dem Bezug der Jugendherberge in der historischen Altstadt führte ein erster gemeinsamer Spaziergang über die Neiße in die polnische Nachbarstadt Zgorzelec. Für viele Jugendliche war dies der erste Aufenthalt in Polen und zugleich die erste Erfahrung, eine Landesgrenze zu Fuß zu überqueren. Bereits am ersten Tag konnten so interkulturelle Erfahrungen gesammelt und Berührungsängste abgebaut werden.

Tag 2 – Montag, 06.07.2026

Ein besonderer Programmpunkt war der Empfang im Görlitzer Rathaus durch Oberbürgermeister Octavian Ursu. Im gemeinsamen Austausch erhielten die Jugendlichen Einblicke in die Geschichte der geteilten Stadt, die kommunalpolitischen Strukturen sowie aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen. Die Jugendlichen nutzten die Gelegenheit, eigene Fragen zu stellen und politische Entwicklungen mit ihrer Lebensrealität in Hessen zu vergleichen.

Der anschließende Aufstieg auf den Rathausturm bot nicht nur einen beeindruckenden Ausblick über Görlitz und Zgorzelec, sondern verdeutlichte auch die geografische und historische Besonderheit der Stadt. Am Nachmittag erkundete ein Teil der Gruppe eigenständig Zgorzelec. Dabei standen kulturelle Eindrücke, Begegnungen sowie das Kennenlernen des Alltagslebens auf der polnischen Seite im Mittelpunkt.

Tag 3 – Dienstag, 07.07.2026

Mit Fahrrädern machte sich die Gruppe auf den Weg zum Berzdorfer See. Auf dem Weg sorgte ein Besuch der Kartbahn in Hagenwerder für gemeinschaftliche Erlebnisse und stärkte den Teamgeist innerhalb der Gruppe.

Am Berzdorfer See machte das wechselhafte Wetter eine Anpassung der Tagesplanung notwendig. Während einige Jugendliche trotz Regens badeten, umrundete ein Teil der Gruppe gemeinsam mit einem Betreuer den gesamten See mit dem Fahrrad.

Die auffälligen Warnhinweise rund um den See führten später zu Gesprächen über die Geschichte des Geländes. Durch Herrn Krätschmer erfuhren die Jugendlichen, dass der heutige See aus einem ehemaligen Braunkohletagebau, durch eine Flutung im Jahre 2013 entstanden ist.

Tag 4 – Mittwoch, 08.07.2026

Ein zentraler Bestandteil der Fahrt war die Begegnung mit der Mobilen Kinder- und Jugendarbeit (MoKJa) des ASB Görlitz. Im Vorfeld war über die Einrichtung Kontakt aufgenommen worden, um einen Austausch mit jungen Menschen aus Görlitz zu ermöglichen.

Bei einem gemeinsamen Treffen auf einem Fußballplatz kamen die Jugendlichen aus Wiesbaden mit jungen Erwachsenen aus Görlitz ins Gespräch. Dabei wurden Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Lebenswelten thematisiert. Die Jugendlichen berichteten unter anderem über ihre Wahrnehmung, dass es in Görlitz vergleichsweise wenige junge Menschen gebe und politische Entscheidungen aus ihrer Sicht häufig stärker an den Bedürfnissen älterer Generationen ausgerichtet seien.

Auch wenn die anschließenden Fußballspiele sportlich nicht erfolgreich verliefen, erwiesen sich insbesondere die persönlichen Begegnungen und Gespräche als wertvoll. Die Themen wurden auch am Abend innerhalb der Gruppe intensiv weiterdiskutiert.

Tag 5 – Donnerstag, 09.07.2026

Der Besuch der Gedenkstätte Stalag VIII A in Zgorzelec bildete einen wichtigen Schwerpunkt der historisch-politischen Bildungsarbeit. Im Rahmen einer Führung erhielten die Jugendlichen Einblicke in die Geschichte des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers während des Zweiten Weltkriegs.

Anhand eines Geländemodells, historischer Informationen und eines Rundgangs wurde deutlich, welche Lebensbedingungen die Gefangenen dort ertragen mussten und welche Folgen Krieg, Ausgrenzung und Entrechtung für die Betroffenen hatten. Gleichzeitig konnten Missverständnisse über die Funktion des Lagers aufgeklärt und historische Zusammenhänge differenziert vermittelt werden.

Besonderer Dank gilt Matti sowie dem Verein Meetingpoint Memory Messiaen e.V., die durch ihre engagierte Erinnerungsarbeit einen wichtigen Beitrag zur historischen Bildungsarbeit leisten.

Im Anschluss verbrachte die Gruppe Zeit am Berzdorfer See. In der entspannten Atmosphäre ergaben sich intensive Gespräche über die Eindrücke des Vormittags sowie über aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen, Demokratie, Frieden und Zukunftsperspektiven. Die Jugendlichen setzten sich dabei reflektiert mit historischen Ereignissen und deren Bedeutung für die Gegenwart auseinander.

Tag 6 – Freitag, 10.07.2026

Am letzten Tag traf sich die Gruppe nochmals mit Herrn Krätschmer, um offene Fragen zu Görlitz und zur Städtepartnerschaft zu besprechen.

Am Nachmittag stand gemeinsames Minigolfspielen auf dem Programm, bevor der Abend auf dem Gelände der Rabryka seinen Abschluss fand. Beim gemeinsamen Grillen sowie verschiedenen Freizeitangeboten wie Tischtennis und Tischkicker standen Gemeinschaft, Begegnung und der gemeinsame Ausklang der Reise im Vordergrund.

Viele Jugendliche äußerten zum Abschied den Wunsch, noch länger bleiben zu können. Ein positives Zeichen dafür, dass sich die Gruppe während der Woche wohlgefühlt und positive Erfahrungen gesammelt hatte.

Tag 7 – Samstag, 11.07.2026

Am Abreisetag verlief zunächst alles planmäßig. Durch Verspätungen im Bahnverkehr war jedoch Flexibilität gefragt. Gemeinsam meisterte die Gruppe kurzfristige Umplanungen und erreichte schließlich erschöpft, aber zufrieden wieder Wiesbaden.

Fazit

Die Reise nach Görlitz bot den Jugendlichen vielfältige Lern- und Erfahrungsräume. Neben der Auseinandersetzung mit Geschichte, Politik und Kultur standen insbesondere Begegnungen mit Menschen vor Ort sowie der Abbau von Vorurteilen im Mittelpunkt.

Die Jugendlichen entwickelten im Verlauf der Woche ein deutlich differenzierteres Bild von Görlitz und Ostdeutschland. Viele ursprüngliche Annahmen wurden hinterfragt oder relativiert. Besonders prägend waren die unterschiedlichen Begegnungen mit Jugendlichen aus Görlitz, der Austausch mit kommunalpolitischen Akteuren sowie die historisch-politische Bildungsarbeit in der Gedenkstätte Stalag VIII A.

Darüber hinaus förderte die gemeinsame Woche wichtige soziale Kompetenzen. Das Zusammenleben in einer Gruppe, Selbstachtsamkeit, gemeinsame Entscheidungsprozesse, der konstruktive Umgang mit Konflikten sowie gegenseitige Unterstützung stärkten das Gemeinschaftsgefühl und die Selbstständigkeit der Teilnehmenden.

Neben den offiziellen Programmpunkten prägten zahlreiche informelle Lernmomente die Reise: gemeinsame Gespräche über regionale Sagen und Geschichte, das Erkunden historischer Orte in der Altstadt, politische Diskussionen, der Umgang mit ungeplanten Herausforderungen, wie etwa dem Verlust eines Portemonnaies oder den Verzögerungen auf der Rückreise, sowie das tägliche Zusammenleben eröffneten vielfältige Möglichkeiten für Persönlichkeitsentwicklung und soziale Lernprozesse.

Als nachhaltiges Ergebnis der Fahrt bleibt bei den Jugendlichen vor allem die Erfahrung einer historisch bedeutenden, lebendigen und gastfreundlichen Stadt. Mehrere Teilnehmende äußerten ausdrücklich, Görlitz künftig erneut besuchen oder sogar gemeinsam mit ihren Familien dorthin reisen zu wollen. Damit konnte das zentrale Ziel der Maßnahme Vorurteile abzubauen, Begegnungen zu ermöglichen und demokratische sowie interkulturelle Kompetenzen zu stärken, erreicht werden.

Text: Tim Steinhardt – MOJA e.V.
Organisation: André Kohl & Tim Steinhardt für MOJA e.V.
für Wiesbaden International: Anna Koschinski &

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